Die Darstellung Südosteuropas in der Gegenwartsliteratur

Die Diskussion um die Darstellung Südosteuropas in der Gegenwartsliteratur hat sich in den letzten Jahren verstetigt. Ein Vierteljahrhundert nach dem blutigen Zerfall Jugoslawiens und Beginn der damit verbundenen Kriege, als einer nicht nur für den südosteuropäischen Raum weitreichenden politischen Zäsur, ist es an der Zeit zu rekapitulieren, wie sich die dadurch verursachten politischen und gesellschaftlichen Veränderungen auf die literarische Darstellung der Region Südosteuropa in der Gegenwartsliteratur ausgewirkt haben.
Während in den ersten Werken, die in der deutschsprachigen Literatur in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre erschienen, noch die Kriegshandlungen und ihre direkten Ursachen und Folgen im Mittelpunkt des Interesses standen, hat sich der Fokus in den darauffolgenden Jahren größtenteils auf die individuellen menschlichen Schicksale verlegt. Dazu gehört der Neubeginn der Autoren und ihrer Figuren im Ausland, aber auch ihre Rückkehr in die Heimat sowie die Identitätssuche der ersten und nunmehr auch der zweiten Flüchtlingsgeneration.
Unter Gegenwartsliteratur wird im Rahmen dieser Tagung vornehmlich die deutschsprachige Literatur der letzten 25 Jahre verstanden. Da aber über dieses Thema nicht nur deutsche und österreichische Autoren wie Peter Handke, Norbert Gstrein, Juli Zeh u. a. geschrieben haben, sondern auch ehemalige im deutschsprachigen Raum lebende Flüchtlinge, die mittlerweile selber zu Autoren der Migrantenliteratur geworden sind, die in ihren Werken oftmals ihr eigenes Schicksal und das Schicksal ihrer Völker und Länder thematisieren, wie das z. B. bei Saša Stanišić, Marica Bodrožić, Melinda Nadj Abonji, Zoran Drvenkar, Nicol Ljubić u. a. der Fall ist, ist eine Grenze zwischen den Literaturen nur schwer bestimmbar, erscheint aber für das Verständnis und die Analyse der Werke auch nicht als unabdingbar.