Literaturwissenschaft

ABSTRACTS

Literaturwissenschaft


 

CHRISTINE ARENDT (Milano)

Themenkontinuität: Literatur als Reflexionsmedium für die sich verändernde Umwelt des Menschen – von Wilhelm Raabe zu Dörte Hansen

 

In dem Beitrag soll auf ein Thema eingegangen werden, das seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von großer Relevanz ist, nämlich das Leben des Menschen in einer sich wandelnden Umwelt. Bereits Wilhelm Raabe hat bekanntermaßen eingehend das Zusammenspiel von Industrialisierung und gesellschaftlichem Wandel und den damit verbundenen Auswirkungen auf das Leben des Einzelnen dargestellt. Das Wegbrechen der bekannten Umgebung und gesellschaftlichen Strukturen wird auch in der Gegenwartsliteratur thematisiert, wie beispielsweise im Roman Mittagsstunde (2018) von Dörte Hansen. Hansen fokussiert die dörflichen Strukturen in Norddeutschland, wo in Brinkebüll in Nordfriesland die Familie des Kieler Universitätsdozenten Ingwer Feddersen wohnt. Die große Flurbereinigung ist das deutlichste Zeichen des „Weltuntergangs“, wie seine autistische Mutter, genannt „Marret Ünnergang“, die immer weiter fortschreitenden ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen nennt. Als ihre Stube mit den gesammelten Andenken an die alte Welt des Dorfes weichen muss, verschwindet auch sie. Kennzeichnend für den fundamentalen Wandel ist schließlich, dass es kaum noch Bauern gibt; der „Homo ruralis“ wird durch Pendler ersetzt. Aufgrund der Schilderung der Transformation von Umwelt und dörflichem Leben changiert der Roman zwischen Ecocriticism und moderner Heimatdarstellung. Das Verhältnis des Menschen zur ihn umgebenden Natur wird differenziert dargestellt; trotz der tiefgreifenden anthropogenen Veränderungen der Landschaft dominiert er sie nur bis zu einem gewissen Grad: Gerade in Norddeutschland herrscht in letzter Instanz der Wind.

 

 

ARIANNA DI BELLA (Palermo)

Neue performative Grenzvorstellungen in der literarischen Produktion von Maxi Obexer und Anna Rottensteiner

 

Das Thema Grenze wird in der Germanistik im Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Wandel verortet, wobei zum einen die Persistenz etablierter Grenzsemantiken und zum anderen deren Neukontextualisierung durch neue migrantische Erfahrungen sowie die Einflüsse mediterraner Fluchtachsen berücksichtigt werden. Fokus meines Vortrags ist die Untersuchung der Grenzvorstellung in Europas längster Sommer von Maxi Obexer und Nur ein Wimpernschlag von Anna Rottensteiner, zwei Südtiroler Autorinnen, die die Grenzen als Teil ihrer Identität betrachten. Die Romane stehen exemplarisch für eine Literatur, die geografische, politische und psychologische Grenzziehungen nicht als statische Gegebenheiten begreift, sondern als dynamische Verhandlungsräume, in denen Identität, Zugehörigkeit und europäisches Selbstverständnis kontinuierlich neu ausgehandelt werden. Diese literarischen Grenzreflexionen fügen sich in die aktuellen Diskurse der Germanistik ein, die sich verstärkt mit Fragen der Transkulturalität, Migration und dem Mittelmeerraum als Konfliktraum beschäftigen. Beide Autorinnen demonstrieren, dass Grenzen in der Gegenwart nicht aufgehoben oder überwunden werden, sondern vielmehr zu komplexen Verhandlungsräumen transformiert werden.

 

HANS RICHARD BRITTNACHER (Berlin)

Abschied als Thema der Literatur und als Praxis der Literaturwissenschaft

 

Abschied – ob von Freunden oder gar vom Leben – ist ein existenzielles Thema, das von der Literatur immer wieder thematisiert wird – oft so, dass die ihm eigene Bitterkeit durch Tiefsinn oder Humor eine versöhnliche Pointe erhält. In diesem eigenwilligen Blick auf das Thema Abschied zeigt die Literatur ihre Unverzichtbarkeit und Unersetzlichkeit: sie ist ein Leistungsbereich eigener Art, enthält eine Wahrheit eigener Art, die weder Philosophie noch Soziologie oder Psychologie liefern können. Dennoch mehren sich seit den Hochzeiten von Marxismus, Strukturalismus und Poststrukturalismus in den Literaturwissenschaften neue Trends (turns), die im Interesse an einer Nobilitierung der Bedeutung der Literatur (durch den Vergleich ihrer Einsichten mit Affekttheorien, Genderfragen, topologischen Beschaffenheiten, körperlicher oder geistiger Behinderungen etc.) aus den Augen verlieren, worin der Reichtum der Literatur besteht: Die Diskurszocker verabschieden die Literatur.

 

ANITA CZEGLÉDY (Budapest)

Ein Kind der Jalousien – Geborgenheit und beredte Stille in Ilma Rakusa’s Roman „Mehr Meer“                                                                              

 

Die Texte Ilma Rakusas zeichnen sich durch eine ausgeprägte ästhetische Sensibilität gegenüber Sprache, Kultur, Identität, Verfremdung, Erinnerung und Erfahrungen der Heimatlosigkeit aus. Das autobiographisch gefärbte Werk „Mehr Meer“, in dem die Erfahrung eines lebenslangen „Unterwegsseins“ sowie die wiederholte Überschreitung geografischer Grenzen und der Wechsel zwischen kulturellen Räumen leitend sind, bildet häufig den Schwerpunkt literaturwissenschaftlicher Untersuchungen. Der Beitrag rückt jedoch jene Momente des Wartens und des Innehaltens in den Fokus, etwa die Stunden des Nachmittagsschlafs hinter geschlossenen Jalousien, die die Erzählerin in einem Zustand des Halbschlafs und der Imagination verbringt. Bereits zu Beginn des Buches findet sich ein bedeutungsträchtiger Hinweis: Die Ich-Erzählerin bezeichnet sich als „ein Kind der Jalousien“ (Rakusa 2009, 9). Diese Metapher verdichtet Aspekte des Wartens, des Dazwischen-Seins und des Nicht-Dazugehörens ebenso wie Prozesse der Reflexion und der daraus hervorgehenden Erkenntnis. Im Beitrag werden daher Rakusas sprachlich erzeugte Affekträume, ihre subjektive Kartographie des Mittelmeerraumes sowie die literarischen Strategien zur Auflösung monolingualer Wahrnehmungs- und Reflexionspraktiken untersucht. Darüber hinaus wird eine neue Form ästhetisch-kultureller Sensibilität herausgearbeitet, die sich aus diesen poetischen Verfahren ergibt.

 

 

CSILLA DÖMŐK (Pécs)

Kultur und Orientierung des Kulturbegriffs    

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 

Der Begriff Kultur gehört zu den zentralen, aber zugleich vieldeutigsten Konzepten der Geistes- und Sozialwissenschaften, aber auch des alltäglichen Diskurses. Wird im alltäglichen Kontext über Kultur diskutiert, tauchen grundsätzliche Themen wie Sprache, Gastronomie, Traditionen, Kleidung, gemeinsame Werte oder Symbole auf. Auf eine eindeutige und exakte Definition kommen die meisten jedoch nicht. In verschiedenen Disziplinen dagegen existieren zahlreiche Definitionen, die je nach Kontext unterschiedliche Aspekte betonen, die ein umfassendes Verständnis des Begriffs ermöglichen. Im Folgenden werden ausgewählte theoretische Perspektiven auf den Kulturbegriff dargestellt, um eine Grundlage für das Verständnis von beziehungsweise für das Denken über Multi-, Inter- und Transkulturalität zu schaffen, die im späteren Teil dieser Arbeit behandelt werden. Grundsätzlich kann über Kultur im engeren und im weiteren Sinne diskutiert werden. Unter Kultur im engeren Sinne werden vor allem Produkte der Gesellschaft verstanden, die in erster Linie von gebildeten Menschen geschätzt werden. Dazu zählen beispielsweise hohe Kunst, Musik und Philosophie – die eben nicht für jeden zugänglich sind. Im weiteren Sinne wird unter Kultur in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen bedeutend mehr als nur kulturelle Erzeugnisse verstanden. In der modernen Kulturwissenschaft zählen sogar alltägliche Aspekte zur Kultur, wie zum Beispiel Kleidung und Lebensweisen. Generell lässt sich sagen, dass alles zur Kultur gehören kann, was in der heutigen Gesellschaft populär ist, dementsprechend auch Elemente der Popkultur: Popmusik, Mode, Fernsehsendungen und neuere Erscheinungsformen der Literatur, aber auch soziale Praktiken, Denkweisen und Vorstellungen – essenziell alles, was Teil des alltäglichen Lebens ist. Diese allgemeine Betrachtung des Kulturbegriffs führt zu der Frage, welche spezifischen Funktionen Kultur für Individuen und Gesellschaften erfüllt.

 

 

NICO ELSTE (Halle)

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung – Die Dystopie als literarische Form der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen am Beispiel von Marc-Uwe Klings „QualityLand“

 

Kriege, Krisen, Klimawandel – die Welt steht derzeit vor ihren wohl größten Herausforderungen. Zugleich werden selbst in den demokratischen Industriestaaten von Lateinamerika über die USA bis nach Europa nationalpopulistische Parteien stärker, die Abschottung, Überwachung und Meinungsbeschränkungen forcieren. In der Gegenwartsliteratur, die solche gesellschaftlichen Tendenzen und Entwicklungen reflektieren und ästhetisch verarbeiten, ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts das vermehrte Bedürfnis nach dystopischen Weltentwürfen zu verzeichnen, die auf vielfältige Weise Endzeitszenarien durchspielen. Neben sozialen Disruptionen werden hier technologische, ökologische, digitale, ökonomische oder auch nationalkulturelle Transformationen der Gesellschaft in ihren denkbar negativsten Ausprägungen als dystopische Zukunftsvisionen literarisch inszeniert. Inwiefern die Dystopie, die spätestens seit den 1980er-Jahren den utopischen Gesellschaftsentwürfen in der Literatur den Rang abgelaufen hat, einen wesentlichen Beitrag zur Reflexion und notwendigen Kritik gesellschaftlicher Entwicklungen leistet, soll im Vortrag anhand einer theoretischer Auseinandersetzung mit der Dialektik von Utopie und Dystopie sowie am Beispiel von Marc-Uwe Klings dystopischer Technologie-Satire „QualityLand“ aus dem Jahr 2017 thematisiert werden.

 

 

JÖRG JUNGMAYR MIGUEL (Berlin)

Zora del Buono: Die Marschallin

 

In dem Roman Die Marschallin erzählt Zora del Buono das Leben ihrer Großmutter Zora, in dem sich mittel- und südeuropäische Sprachen, Kulturen und politische Systeme überkreuzen und in diesem Crossover eine höchst eigenwillige Symbiose bilden.

Zora spricht Slowenisch, Italienisch, aber „kaum Französisch, dafür Deutsch, mit Wiener Zungenschlag“, ihr Mann Pietro beherrscht acht Sprachen: „Latein, Griechisch, Italienisch Deutsch, Russisch, Französisch, Mediziner-Englisch und ein wenig Slowenisch“ (S. 316f).

Als Zora Ostan wird die Marschallin im slowenischen Bovec-Plezzo-Flitsch im Soča-, Isonzo-, Lusinç-, Sonstig-Tal geboren. Mit den unterschiedlichen Namensbezeichnungen sind die politischen Konflikte merkiert, die im Ersten Weltkrieg zu den verheerenden Soška bitke, Battaglie del Isonzo, Isonzoschlachten, die zwischen Italien auf der einen, Österreich-Ungarn und Deutschland auf der anderen Seite ausgetragen wurden, führen („Bovec ein Leichenfeld … gleich hinter der Grenze der größte Soldatenfriedhof Italiens“, S. 344). Nach dem Ersten Weltkrieg, das ein „blutiges Erbe“ des italienisch-serbischen Irredentismus hinterlässt, wird Bovec Italien zugeschlagen. Dort lernt Zora ihren zukünftigen Mann, den aus Sizilien stammenden Arzt Pietro del Buono, kennen, dem sie nach Bari folgt, ohne ihren engen Kontakte zu Slowenien, Istrien und Dalmatien aufzugeben. In Bari etabliert sich Pietro als renommierter Röntgenologe an der Universität, während Zora, die Marschallin, nach ihren eigenen Plänen eine elegante Villa errichten lässt („Ein Palazzo, dreiundzwanzig Zimmer, neun Bäder, in der Halle ein Kronleuchter aus Mailand“ (S. 323), in der sich die politische Opposition der Stadt trifft. Beide Eheleute sind Kommunisten. Zoras Vorstellung von Kommunismus als einer „Aristokratie für alle“ (S. 327) unterscheidet sich diametral von der Position etwa des jungen Manès Sperber, für den Kommunismus in dieser Zeit Gleichschaltung des Proletariats und bedingungslose Unterwerfung unter die Linie der Komintern ist.

Trotz ihrer entschiedenen Opposition führen Zora und Pietro ein komfortables Leben im Mussolini-Regime. Nach der Zerschlagung Jugoslawiens durch die Wehrmacht und den Säuberungsaktionen der Deutschen und Italiener in Slowenien unterstützt Zora trotz des Verbots ihres Mannes („Ach, ihr Mann verstand sie einfach nicht! Hockte unten in seiner dunklen Klinik“, S. 182) die Volksbefreiungs-Partisanentruppen Titos. Sie organisiert einen Transport von Medikamenten, die sie aus der Klinik ihres Mannes entwendet hat, zu den Partisanen. Und ihre Villa in Bari wird zu „einem Kurzzeitlazarett für Dalmatiner“ (S. 216), die von den Briten von der von Partisanen kontrollierten Insel Vis nach Bari und von dort weiter nach Ägypten verschifft werden.

1948 werden die Eheleute wegen ihrer titoistischen Haltung aus dem PIC ausgeschlossen. Zora wandelt sich von einer Kommunistin zu einer Sozialistin, aber sie bleibt bis zu ihrem Tod im Februar 1980 in einem schäbigen Altersheim im slowenischen Nova Gorica („ABWASCHBARE WÄNDE IN PIPIGELB … ein Kulturzerfall, ein Abgrund, ein Debakel“, S. 327) eine unbedingte Anhängerin ihres verklärten Idols Tito. „… der Marschall … schwelgt zwar gerne im Pomp, aber er wünscht sich Pomp für jedermann“ (S. 327), wobei „Pomp für jedermann“ für die Marschallin gleichbedeutend ist mit Gleichheit und Freiheit.

 

 

LENA KIRSCH (Jena)

Charlotte von Stein – Vergessen zwischen Goethekulturverriss und Opferkategorisierung? Rezeption und Ansätze zu einer Neuentdeckung

 

An den Dramen von Charlotte von Stein kann man die Rezeptionsgeschichte im Umgang mit den Dramen von Frauen um 1800 nachzeichnen. Von einer eigenen Abgeneigtheit gegenüber und gleichzeitigem Wunsch nach Veröffentlichung, zu einer Diffamierung durch den Goethekult mit gleichzeitigem Bekanntwerden, ersten Editionen und anschließend eine neue Entdeckung durch die feministische Literaturtheorie in den 80er und 90er Jahren, die jedoch nicht über Kategorisierungsarbeiten hinausgeht. Es fehlt eine tiefere Betrachtung z.B. aus Gesichtspunkten der Genderstudies, wo genauer die Konstruktion der Frauenfiguren, wie Dido als Königin in ihrem politischen System, oder die weiblichen Freundschaften analysiert werden. Auf diese Punkte fokussiere ich mich in meiner Abschlussarbeit, untersuche die durch Frauen dargestellten weiblichen Lebenswelten und Ideen anhand der Herrscherinnendarstellung und der Freundinnen, um so auch Lebenswelten aus historischer Frauenperspektive wieder sichtbar zu machen. Denn zugleich ist es auch, wie in der Initiative breiter Kanon (#breiterkanon) deutlich wird, wichtig, mehr historische Texte von Frauen in den literarischen Kanon einzugliedern. Mit meinen wissenschaftlichen Analysen will ich wieder einen Fokus auf diese Dramatikerinnen um 1800, wie z.B. Charlotte von Stein, legen.

 

 

KSENIA KUZMINYKH (Göttingen)

Narratologische Konzepte im Wandel: Reflexionen zur unzuverlässigen Narration in der deutschen Gegenwartsliteratur

 

Das ‚unzuverlässige Erzählen‘ ist eines der meistdiskutierten Konzepte der Narratologie. Allerdings herrscht bis heute im literaturwissenschaftlichen Diskurs kein Konsens über dieses mehrdimensionale Phänomen. Der anvisierte Vortrag verfolgt die Intention, die divergenten Formen der unreliable narration systematisch und vergleichend zu konzeptualisieren und zu diskutieren (s. Sekundärquellen). Dieser Schritt soll eine Schärfung des Unzuverlässigkeitsbegriffs prädisponieren. An die theoretischen Überlegungen anschließend soll die Funktionsweise des Beschreibungsmodells an einigen ausgewählten Texten aus dem Bereich der deutschen Gegenwartsliteratur exemplarisch demonstriert werden (s. Primärquellen). Es wird die These aufgestellt, dass besonders in der Gegenwartsliteratur die narrative Unzuverlässigkeit frequentiert ihre Verwendung findet. Mit der Implementation dieser narrativen Strategie wird einerseits die ästhetische Qualität des Textes erhöht. Andererseits wird dem abstrakten Lesepublikum ein Angebot unterbreitet, über die Konstruiertheit der inner- und intratextuellen Realität sowie über das ‚Nicht-Erzählte‘ zu reflektieren. Darüber hinaus wird mithilfe unzuverlässiger Narration eine ungewöhnliche Perspektive auf die diegetische Realität erlaubt und auf diese Weise das tradierte Wirklichkeitsverständnis expandiert oder sogar in Frage gestellt.

 

 

GORAN LOVRIĆ (Zadar)

Dalmatien als narrative Schnittstelle: Film, Raum und Geschichte in Clemens Meyers „Die Projektoren“

 

Der Roman „Die Projektoren“ (2024) von Clemens Meyer verknüpft historische, filmische und literarische Erzählstränge zu einer vielschichtigen Auseinandersetzung mit Gewalt, Erinnerung und medialer Vermittlung. Dieser Betrag untersucht die Bedeutung Dalmatiens als zentralen Schauplatz und Imaginationsraum des Romans. Die Region erscheint dabei nicht nur als geografischer Ort, sondern auch als historisch überlagerter Resonanzraum, in dem sich verschiedene Machtansprüche, nationalistische Gewalt und individuelle Traumata überschneiden. In literarischer Hinsicht wird Dalmatien dabei als narrativer und semantischer Raum verstanden, in dem sich historische, intertextuelle und intermediale Ebenen überlagern. Aufgrund der Bezugnahme auf Balkankriege, der damit verbundenen Schicksale der Figuren sowie der dort gedrehten Winnetou-Filme wird gezeigt, wie Meyer Dalmatien als Projektionsfläche für verschiedene Fantasien und Mythen inszeniert. Der Beitrag soll zeigen, dass Dalmatien im Roman also eine narrative Schnittstelle bildet, an der sich Film, Geschichte und subjektive Wahrnehmung überschneiden. Dadurch zeigt Meyers Roman nicht nur die Kontinuität historischer Gewalt, sondern auch die ästhetischen und ethischen Möglichkeiten und Probleme ihrer Darstellung.

 

 

MARIJANA MANDIĆ / IRIS SPAJIĆ (Osijek)

Der Zerfall Wiens in postapokalyptischen Prosawerken „Ein sicherer Ort“ von Johanna Grillmayer und „Autolyse Wien: Erzählungen vom Ende“ von Karin Peschka

 

Postapokalyptische Narrative stellen urbane Räume vor extreme Herausforderungen, wobei die Städte in der Regel ihre Eigenschaften als kulturelle Zentren verlieren und meist in Bereiche der Natur und Wildnis verwandelt werden. Berücksichtigt man Henri Lefebvres These, dass der Raum – und damit auch die Stadt – ein Produkt sozialer Praxis ist (171), stellt sich die Frage, ob und wie postapokalyptische Prosa die Möglichkeit urbaner Wideraufbau darstellt. Im Rahmen dieser Arbeit werden die Darstellungen des Wiens vor und nach der Katastrophe im Roman „Ein sicherer Ort“ von Johanna Grillmayer und dem Erzählband „Autolyse Wien: Erzählungen vom Ende“ von Karin Peschka verglichen, um den Zusammenhang zwischen Raum und Gesellschaft im Kontext urbaner Resilienz zu erforschen. Beide Prosawerke schildern nämlich Wien, das nach einer namenlosen Katastrophe seine Identität verliert, und dessen Bürger auf das eigene Selbst ausgerichtet sind. Ausgangspunkt für diese Studie ist die Annahme, dass die Prosawerke auf die Unmöglichkeit einer Wiederherstellung des urbanen Systems hinweisen werden, wobei der zerrüttete soziale Zusammenhalt eine entscheidende Rolle spielen wird. Der Beitrag soll dabei beleuchten, dass die urbane Resilienz gesellschaftliche Werte erfordert, die nicht mehr vorhanden sind.

 

 

ANJA OROZOVIĆ / MERSIHA ŠKRGIĆ (Sarajevo)

Zwischen Arbeitswahn, Melancholie und Depression. Schreiben als Selbsttherapie bei Rainer Maria Rilke                                                                                  

 

Im Kontext des „emotional turns“ in der Literatur- und Kulturwissenschaft der 1990er Jahre rückt das Interesse an der Erforschung der Rolle von Emotionen in der Textüberlieferung und Rezeptionsgeschichte zunehmend in den Vordergrund. Innerhalb des breiten Spektrums von Emotionen erweisen sich Phänomene wie Trauer, Melancholie und Depression als besonders interessant, da sie im Laufe der Zeit sowohl im wissenschaftlichen als auch im künstlerischen Bereich einen bedeutenden Wandel in ihrer Deutung und Rezeption erfahren haben. In der Literatur der Moderne ist das emotionale Leben des Menschen, insbesondere durch die Entdeckung der Psychoanalyse, ein zentrales Thema, mit dem sich auch Rainer Maria Rilke auseinandersetzt. Der Beitrag konzentriert sich auf die Darstellung verschiedener Ausprägungen von Trauer, Melancholie und ähnlichen Zuständen, die im heutigen medizinischen Diskurs das klinische Bild der Depression prägen. Die Analyse basiert einerseits auf Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ (1910) und andererseits auf Rilkes persönlichem Interesse am psychoanalytischen Diskurs geprägt durch die Auseinandersetzung mit der eigenen psychischen Gesundheit, was auch die neuere Rilke-Forschung nahelegt. Der vorliegende Beitrag strebt eine genauere Eisicht in das Zusammenspiel des ästhetischen und empirischen Umgangs mit den Phänomenen von Trauer, Melancholie und Depression.

 

 

IVICA PETROVIĆ (Mostar)

Der Mittelmeerraum im Roman „Die Farbe des Granatapfels“ von Anna Baar

 

Im Beitrag wird die Darstellung von Dalmatien als Teil des mediterranen Kulturraums im Roman „Die Farbe des Granatapfels“ von Anna Baar untersucht. Im Mittelpunkt steht der Mittelmeerraum als literarischer Imaginations- und Hybriditätsraum. Gezeigt wird, wie er im Roman nicht nur als nostalgischer Ort der Kindheit und familiärer Bindung erscheint, sondern zugleich als mehrschichtiger Topos fungiert, und zwar als geografisch-geschichtlicher Schauplatz, Erinnerungsraum oder identitärer Zwischenraum. Damit wird ein Beitrag zur Erforschung transkultureller österreichischer Literatur geleistet und der Mittelmeerraum als wichtige Kategorie in der Interpretation von Baars Werk positioniert.

 

 

PETR PYTLÍK (Brünn)

Das Paradoxon des Eskapismus beim tschechisch-deutschen Schriftsteller Jaroslav Rudiš

 

In der literarischen Produktion von Jaroslav Rudiš spielt Eskapismus eine zentrale Rolle – seine Figuren flüchten in Züge, Hotels, Musik, Alkohol oder Erinnerungen. Diese Fluchtbewegungen lassen sich jedoch nicht als bloße Realitätsverweigerung deuten. Vielmehr offenbaren sie eine tiefgehende Konfrontation mit gesellschaftlichen und existenziellen Krisenerfahrungen der Gegenwart. Ausgehend von Theodor W. Adornos ästhetischer Theorie wird im Vortrag das „Paradoxon des Eskapismus“ als interpretatorischer Schlüssel vorgeschlagen: Das scheinbare Ausweichen aus der Realität dient nicht der Betäubung, sondern macht die Wirklichkeit in ihrer Unzulänglichkeit überhaupt erst sichtbar. Anhand ausgewählter Texte wie Winterbergs letzte Reise, Grand Hotel und Nationalstraße wird gezeigt, wie Rudiš eskapistische Räume entwirft, die zugleich autonome ästhetische Gegenwelten und kritische Spiegel realer Zustände sind. Eskapismus wird so als negative Erkenntnisform lesbar – im Sinne Adornos: „Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.“

 

 

MONIKA SZCZEPANIAK (Bydgoszcz)

Literarische Atmosphären und atmosphärische Literatur

 

Der Begriff der Atmosphäre erlebt derzeit in den Sozial- und Kulturwissenschaften eine Renaissance. Es handelt sich um eines der faszinierendsten und vielseitigsten Konzepte zur Erforschung schwer repräsentierbarer Erscheinungen, die als non-representational methodologies diskutiert werden. Das innovative Potential dieser Ansätze besteht darin, dass sie etwas Flüchtiges, Vergängliches und kaum Greifbares erfassen. Die literarischen Imaginationen ephemerer, veränderlicher und unwiederholbarer Atmosphären stellen ein Desiderat der literaturwissenschaftlichen Forschung dar. Sie eröffnen neue Interpretationsperspektiven und werfen neue Fragen auf, allen voran die nach der Rolle atmosphärischer Aspekte für das Verständnis menschlichen In-der-Welt-Seins, zwischenmenschlicher Beziehungen – insbesondere von Affekten und Emotionen –, individueller Entscheidungen und sozialer Prozesse sowie der Umwelt mit ihren nicht-menschlichen Akteuren. Das Konzept der Atmosphäre besitzt sowohl als Instrument der Weltbetrachtung und des Denkens als auch für die Interpretation literarischer Texte einen unbestreitbaren Reiz. Das Ziel des Beitrags ist es, den für die Literaturwissenschaft relevanten Stand der Atmosphärenforschung zusammenzufassen und das Potential des Begriffs für literaturwissenschaftliche Forschungen auszuloten. Obwohl sich in diesem Forschungsfeld (auch in der Germanistik) bereits zahlreiche Ansätze und Impulse manifestieren, lässt sich ein atmospheric turn in der Literaturwissenschaft bislang jedoch nicht ausmachen.

 

 

CHARLOTTE STURM (Hamburg)

Ware als literarischer Untersuchungsgegenstand: Ein Rundumschlag von materialistischer Literaturtheorie bis zur Konsumästhetik

 

Warenobjekte als literarisches Motivkomplex zu begreifen, ist trotz einer weitreichenden Tradition – gerade innerhalb des Diskurses Kommerz vs. Kunst in der Romantik – eine recht neue Perspektivierung der germanistischen Literaturwissenschaft. Folgende Tendenzen würde ich in meinem Vortrag kontextualisieren: • Benjamin operiert mit dem Begriff Phantasmagorie, wenn er im Passagenwerk das Konzept des Warenfetischismus weiterdenkt und – auch unter Rückgriff auf Baudelaire-Lektüren – Waren in ihrer Mannigfaltigkeit erkundet, von ihren Oberflächenwirkungen über ökonomisch-gesellschaftliche Verflechtungen bis hin zu Fiktionspotentialen; • Von Lukács ausgehend und entscheidend von der Frankfurter Schule beeinflusst setzt sich die materialistische Literaturtheorie mit Literatur und ihren Kommerzialisierungsformen auseinander; • Ware und Konsum als Motive der Literatur erfahren in den 1990er Jahren durch die New Economic Criticism Konjunktur – ein interdisziplinärer Zugang, der Literatur und Ökonomie zusammendenkt. Gerade an der Schnittstelle von Material Culture Studies (Dingkulturen) und Literaturwissenschaft öffnen sich neue Erkundungsspielräume. Die Popliteraturforschung setzt einen entsprechenden Fokus auf Konsum- und Gegenwartsästhetiken. Ästhetischen Potentialen von Serialitäten und Warengegenständen und -räumen steht dieser Forschungszweig grundlegend explorierend, nicht normierend gegenüber. Über eine solche (historische) Skizzierung der literaturwissenschaftlichen Forschung zum Warenmotiv hinaus möchte ich anhand von zwei exemplarischen Lektüren neue Akzentuierungen aufweisen: Zum einen die Perspektivierung solche Literarisierungen, die sich nicht der Popliteratur zuordnen lassen, aber dennoch Waren(-räume) inszenieren; zum anderen Neukonfigurationen, die sich aus literarischen Reflektionen digitalen Konsums ergeben.

 

 

TOMISLAV ZELIĆ (Zadar)

Von der traditionellen zur digitalen Philologie – Forschungswerkstattbericht

 

Dass sich die tradtionelle Philologie, verstanden als Liebe zum Wort als Wissenschaft und Kunst des langsamen Lesens, Verstehens, Deutens und Auslegens sowie Beurteilens, unter den Bedingungen der digitalen Gesellschaft verändern wird, steht außer Frage. Ungeheuerlich ist die Diskrepanz zwischen den Verheißungen, was die digitale Philologie leisten können werden soll und was die digitale Philologie derzeit zu leisten vermag. Die traditionelle Philologie wird, wie die alte Geisteswissenschaft und die junge Kulturwissenschaft, unter der Vorherrschaft des ideologisch nicht unproblematischen STEM-Programmatik und dem Diktat der Drittmittelprojektanträge anscheinend zur Randständigkeit verdammt sein, falls sie nicht ersatzlos und gänzlich abzuschaffen ist. Zweifelsohne stehen wir erst am Anfang einer Entwicklung, die wohl noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Die Folgen sind freilich noch nicht abzusehen. Dennoch lässt sich erkennen, was die Mathematisierung des Geistes für die Philologie bedeuten könnte. Es bedarf einer medienkulturphilologischen Kritik an dem digitalen Zeitalter. Nach wie vor gilt es, die richtigen Fragen zu stellen. Das ist die traditionelle Aufgabe der sieben freien Künste. Vor diesem Hintergrund lassen sich einige Hypothesen aufstellen, um die traditionelle Philologie im digitalen Zeitalter zu rechtfertigen. Außerdem lassen sich einige theoretische und methodische Orientierungspunkte und mögliche Forschungsthemen ausmachen. Diesen und anderen Grundsatzfragen soll sich dieser Vortrag widmen.

 

 

JASMINA ZLATAREVIĆ (Bihać)

Tendenzen der bosnisch-herzegowinischen Gegenwartsliteratur am Beispiel des Prosabandes „Uhrwerkgeschichten“ von Faruk Šehić

 

Der Begriff der zeitgenössischen Literatur ist in der ganzen Welt präsent, einschließlich der nationalen Literaturgeschichten. Bosnien und Herzegowina ist genauso ein Teil des Evolutionsprozesses und der Veränderungen in den literarischen Strömungen. Der Beginn der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts stellt eine Zeit dar, in der es sowohl in sozialgeschichtlicher als auch in literarischer Hinsicht eine bedeutende Wende gab. Da sozialgeschichtliche Strömungen die Leitlinien der Literaturentwicklung mitbestimmen, spiegelte sich ein solcher Verlauf besonders in der Nationalliteratur Bosnien und Herzegowinas wider. War für die deutsche Gegenwartsliteratur einer der entscheidenden Momente der Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands, so war dies für Bosnien und Herzegowina sicherlich die Abkehr vom föderalen Rahmen des ehemaligen gemeinsamen Staates, die darauffolgende Unabhängigkeitserklärung von Jugoslawien und die Kriegsereignisse zwischen 1992-1995, die diese sozialgeschichtlichen Strömungen leider „abrundeten“. Dieser literarische Beitrag setzt sich mit dem im Jahre 2018 unter dem Titel „Uhrwerkgeschichten“ veröffentlichten Prosaband des Autors Faruk Šehić auseinander. Der Band wurde von Elvira Veselinović ins Deutsche übersetzt und im Jahre 2020 beim Mimesis Verlag in Deutschland veröffentlicht. Das wichtigste Ziel der vorliegenden Arbeit besteht darin, die komplexen metafiktionalen Narrative innerhalb der Erinnerungskultur in diesem Werk zu interpretieren. Um dieses Arbeitsvorhaben erreichen zu können, baut dieser Artikel auf einigen ausgewählten Erzählungen aus diesem Band auf, die zur Erinnerungs- und Gedächtnisforschung beitragen können.