Didaktik/Methodik

ABSTRACTS

Methodik und Didaktik der deutschen Sprache und Literatur


 

LARA HEDŽIĆ (Sarajevo)

Kulturelle Vielfalt in DaF-Lehrwerken: Kontinuität und Wandel im diachronen Vergleich

Der Beitrag geht der Frage nach, wie kulturelle Vielfalt in bosnisch-herzegowinischen Lehrwerken für Deutsch als Fremdsprache über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten dargestellt wird und welche Entwicklungslinien sich in dieser langen Zeitspanne nachvollziehen lassen. Auf der Basis einer diachronen Inhaltsanalyse werden verschiedene Lehrwerkgenerationen systematisch miteinander verglichen und daraufhin untersucht, wie vielfältig die thematischen Inhaltskategorien verteilt sind und in welchem Verhältnis die Länder des deutschsprachigen Kulturraumes zueinanderstehen. Dabei wird besonderes Augenmerk daraufgelegt, wie Bosnien-Herzegowina in den unterschiedlichen Lehrwerken präsentiert wird und welche Tendenzen sich im Laufe der Jahre erkennen lassen. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Schwerpunkte kultureller thematischer Gewichtungen im Zeitverlauf deutlich verschoben haben und teilweise auf gesellschaftliche Entwicklungen, curriculare Vorgaben sowie didaktische Ausrichtungen reagieren, die sich in den jeweiligen Entstehungsphasen der Lehrwerke widerspiegeln. Der Beitrag trägt damit zum Verständnis von Kontinuität und Wandel kultureller Vielfalt im bosnisch-herzegowinischen DaF-Kontext bei und eröffnet zugleich Einblicke in langfristige Tendenzen der Lehrwerkarbeit, die auch im internationalen Kontext für zukünftige Analysen und didaktische Entscheidungen von Bedeutung sein können.

 

MARIJANA JELEČ / LUNA KUNECKI (Zadar)

Graphic Novels im Literaturunterricht: Literaturdidaktische Reflexionen zur visuellen Narration

Die visuelle Konkretisierung von komplexen Themen, die dynamische Darstellung von Text und Bild und das Spiel mit diversen Techniken im Rahmen der grafischen Literatur können einem jugendlichen Lesepublikum den Zugang zur Literatur erleichtern. Dies begründet ihren didaktischen Mehrwert, der sich durch die Förderung von aktiver und produktionsorientierter Lernprozesse erklärt. Der Beitrag positioniert Nora Krugs Graphic Novel Heimat – Ein deutsches Familienalbum an der Schnittstelle zwischen Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik. Er möchte darstellen, wie visuelle Narration Zugänge zu literarischen und kulturellen Themen im Unterricht eröffnet, und versteht sich dahingehend als Plädoyer für eine stärkere didaktische Verankerung von grafischer Literatur in Lernkontexten. Ausgehend von der Frage, wie die multimodale Struktur der Graphic Novel Heimat Themen wie Identität, Heimat und Verantwortung im Unterricht aufzeigen kann, werden Anknüpfungspunkte für kreative und produktive Lernprozesse vorgestellt und das Potenzial von Graphic Novels im handlungs- und produktionsorientierten Unterricht argumentiert. Zuletzt werden didaktisch-methodische Vorschläge präsentiert, die nicht nur den veränderten Lese- und Rezeptionsgewohnheiten gerecht werden, sondern zentrale Kompetenzen der Gegenwart stärken möchten. Dazu zählen u. a. die kritische Medienreflexion, das Verständnis für Erinnerungskultur, die Empathiefähigkeit, Kommunikationskompetenz sowie die kreativ-ästhetische Gestaltungskompetenz. Die Analyse folgt in literaturdidaktischer Hinsicht den theoretischen Ansätzen von Eder (2016), Reid (2010), Bucher und Manning (2004), Eisner (2006), Hallet (2012), Rippl (2014), Kuzminykh (2014) und Lovrić (2019).

 

AMINA KRIZNIK / LUCIA BAYRLEITNER (Zadar, Mostar)

Österreichische Comedy aus der Balkan-Diaspora auf Instagram und TikTok. Eine Anregung zur kulturreflexiven und unterhaltsamen Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen

In Österreich sind die südslawische Kultur und Sprache sowie ihre Vertreter:innen seit Jahrzehnten omnipräsent. So ist es wenig verwunderlich, dass Angehörige der Balkan-Diaspora im digitalen Raum über Instagram und TikTok große Popularität genießen. In ihren unterhaltsamen Beiträgen befassen sich diese humoristisch mit Stereotypen und Klischees und nehmen damit Sprache, Auftreten und Verhaltensweisen aufs Korn, die der betreffenden Personengruppe, der sie selbst zugerechnet werden könn(t)en, zugeschrieben werden. Für den vorliegenden Beitrag wird zunächst die Wirkungsweise ausgewählter Clips der Entertainer:innen @toxische_pommes, @satansbratan und @inajovanovic linguistisch und kulturwissenschaftlich eingeordnet, wofür auf Ansätze der Humor-Theorie zurückgegriffen und Konzepte der Zugehörigkeit sowie Selbst- und Fremdzuschreibungen produktiv gemacht werden. Auf dieser interdisziplinären theoretischen Grundlage werden in einem nächsten Schritt einige didaktisch aufbereitete Einsatzbeispiele für den Unterricht präsentiert, die sich an Germanistik-Studierende an Universitäten im südslawischen Raum richten. Über den Unterhaltungswert der Clips hinaus soll dadurch ein Reflexionsraum eröffnet werden, der es den Studierenden ermöglicht, sich kritisch mit Selbst- und Fremdzuschreibungen, den Ambivalenzen im Spannungsfeld von „Kultur” und Migration, Mehrfachzugehörigkeiten und nicht zuletzt den (mehr)sprachlichen Aspekten der bearbeiteten Beiträge auseinanderzusetzen.

 

DOROTHEE LEHR-BALLÓ / ÉVA MÁRKUS (Budapest)

Mehrsprachigkeit als Ressource: Konzepte für eine inklusive Didaktik im deutschsprachigen Nationalitätensprachenunterricht in Ungarn

Deutsch ist in Ungarn eine sog. Nationalitätensprache. Die deutsche Nationalität ist die zweitgrößte im Land. Die Förderung der deutschen Sprachkompetenz als Standardvarietät ist in den Nationalitätenbildungseinrichtungen grundsätzlich gegeben. Dies sichern u.a. das Grundgesetz und das Nationalitätengesetz (beide 2011). Die regionalen Varietäten des Deutschen sind aber in großer Gefahr. Einerseits, weil die ungarndeutschen Dialekte als Reliktsprache nicht mehr als Kommunikationsmittel in den Sprachgemeinschaften funktionieren, andererseits weil die dachlosen Dialekte ortsspezifisch sind. Ungarische Kinder lernen in ihren Familien die ungarische Sprache als L1. Im Falle der meisten Ungarndeutschen wird den Kindern die eigentliche deutsche ’Muttersprache’ erst von den Lehrpersonen in den Institutionen vermittelt. Ein wichtiges Desiderat wäre, auch die deutschen Dialektkenntnisse der Kinder in den Schulen und Kindergärten der Minderheit zu fördern. Die Lehrpersonen haben aber in den meisten Fällen keine Dialektkenntnisse und es gibt auch keine Lehrwerke hierfür. Im Beitrag sollen Projekte dargestellt werden, die zur Förderung des deutschen Dialektunterrichts entstanden sind (u.a. Bildwörterbücher, das Dialektmärchen Ti Hausschlange von Robert Becker und Abschlussarbeiten von Studierenden). Das Ziel des Beitrags ist es, Ansätze für eine inklusive Didaktik vorzustellen, die der Vermittlung der deutschen Varietäten in Ungarn für Kinder als erster Schritt dienen kann.

 

SANDRA LUKŠIĆ / NIKOLA RADOŠ

Das Byram-Modell zur Entwicklung interkultureller Kompetenz im DaF-Unterricht und die Rolle der Lehrkräfte

Der Beitrag untersucht die Entwicklung interkultureller Kompetenz im DaF-Unterricht anhand des Byram-Modells. Im Fokus stehet die Rolle der Lehrkräfte und die Bedeutung der Lehrerausbildung, da Lehrkräfte nicht nur Sprachvermittler, sondern auch Förderer interkultureller Begegnungen sind. Im Jahr 2023 wurde eine Umfrage unter 205 Schüler*Innen des 4. Gymnasiums in Split durchgeführt.

Mithilfe eines eigens entwickelten Fragebogens wurden die Einstellungen, Wahrnehmungen und Erfahrungen der Schüler*Innen hinsichtlich der Vermittlung interkultureller Inhalte im DaF-Unterricht erfasst. Ziel ist es, die Selbstwahrnehmung der Schüler*Innen hinsichtlich interkultureller Inhalte und deren Beziehung zu Byrams Schlüsselkonzepten sowie den Einfluss von Variablen wie Alter, Geschlecht und Wohnort zu beurteilen und ein Verständnis für interkulturelle Bildung und Richtlinien für deren Integration in den Lehrplan zu fördern. Daraus ergeben sich drei Forschungsfragen: 1) Spielen die Variablen Alter, Geschlecht und Wohnort eine signifikante Rolle bei den Antworten zur Einführung interkultureller Inhalte und deren Wahrnehmung? 2) Wie wird das Interesse von Lehrkräften an interkulturellen Aspekten des Spracherwerbs erfasst? 3) Wie nehmen Schüler*Innen den Kulturkundeunterricht wahr? Die Ergebnisse zeigen, dass die Befragten die Integration interkultureller Aspekte in den DaF-Unterricht trotz einiger Abweichungen für wichtig halten. Die Studie bestätigt die Relevanz von Byrams Modell und unterstreicht die Notwendigkeit kontinuierlicher Lehrerfortbildungen zur Förderung interkultureller Kompetenz in einer globalisierten Gesellschaft.

 

MAGDALENA MALECHOVÁ (Budweis)

Gamification und immersive Lernumgebungen als Bestandteil des praktischen Sprachunterrichts

Der Beitrag soll auf eine heutzutage innovative Verfahrensweise der Sprachvermittlung hinweisen. Gamifizierung und immersive Lernumgebungen bieten im Zuge der Digitalisierung vielversprechende Möglichkeiten, die Motivation und das Engagement der Lernenden im Unterricht erheblich zu steigern. Gamification definiert sich als gezielte Übertragung spieltypischer Elemente in spielfremde Kontexte. Dies soll den Spieltrieb der Lernenden wecken und sie dazu anregen, sich mit neuen oder als schwierig empfundenen Lerninhalten auseinanderzusetzen. Der Einsatz von spielerischen Elementen ist besonders für die Gestaltung praktischer Unterrichtsphasen relevant, da Erfolge durch vielfältige Feedback-Elemente sofort belohnt werden. Moderne Technologien erweitern die Möglichkeiten der Gamifizierung, indem sie personalisierte Lernerfahrungen und immersive Umgebungen schaffen. Für einen erfolgreichen Einsatz ist jedoch eine sorgfältige Vorbereitung essenziell. Gamification ist somit ein Werkzeug, das im richtigen Moment eingesetzt, den Zugang zu komplexen oder langwierigen Inhalten erleichtern und die Qualität der Wissensvermittlung erhöhen kann. Anhand von möglichen Ansätzen und praktischen Lernerfahrungen aus der Unterrichtspraxis werden konkrete Umsetzungsmöglichkeiten vorgestellt, wobei gezeigt wird, welche Vorteile und potenzielle Nachteile Gamifizierung im Unterricht darstellen kann.

 

DARIO MARŠANIĆ / ANITA BADURINA FILIPIN (Rijeka)

Spracherwerb neu gedacht: ChatGPT als Tool zur Vermittlung von Passivkonstruktionen und Mischverben im Deutschen

Der Beitrag untersucht das Potenzial von ChatGPT als didaktisches Werkzeug zur Vermittlung komplexer grammatischer Phänomene im Deutschen als Fremdsprache, insbesondere der Passivbildung und der Mischverben. Beide Themen stellen Lernende aufgrund ihrer formalen und funktionalen Mehrschichtigkeit vor erhebliche Herausforderungen: Während die Bildung und Verwendung des Passivs ein hohes Maß an grammatischer Bewusstheit erfordert, sind Mischverben durch ihre hybride Konjugationsstruktur schwer zu systematisieren. Im Mittelpunkt steht daher die Frage, inwiefern ChatGPT als interaktives Sprachmodell Lernprozesse unterstützen kann, indem es Erklärungen bereitstellt, Übungen generiert und auf Lernende adaptiv reagiert. Anhand exemplarischer ChatGPT-Dialoge und Aufgabenformate werden didaktische Einsatzmöglichkeiten skizziert, die zeigen, wie KI-basierte Interaktionen traditionelle Unterrichtsformen ergänzen können. Abschließend werden Chancen und Grenzen des KI-Einsatzes reflektiert und Perspektiven für die Integration von ChatGPT im DaF-Unterricht aufgezeigt.

 

ROBERTA RADA / ZSUZSA SPORONI (Budapest)

Bin ich eigentlich mehrsprachig? – Über die Mehrsprachigkeit ungarischer FS-Lernenden

Zum Ausgangspunkt unseres Beitrags dient die in der einschlägigen linguistischen Fachliteratur häufig zitierte Aussage, dass in unserer gegenwärtigen globalisierten Welt Einsprachigkeit der Vergangenheit angehört und Mehrsprachigkeit die Regel ist. Den Begriff der ‚Mehrsprachigkeit‘ verwenden wir in Anlehnung an Th. Roelcke (2023) als Kompetenz einzelner Personen, verschiedene Einzelsprachen (äußere Mehrsprachigkeit) und die Varietäten dieser Sprachen (innere Mehrsprachigkeit) gebrauchen zu können. Die äußere Mehrsprachigkeit bezieht sich auf den Gebrauch verschiedener Einzelsprachen bei einzelnen Personen, welche diese als Erst-, Zweit- oder Fremdsprache beherrschen. Die Förderung der äußeren Mehrsprachigkeit ist ein wichtiges Bildungsziel des Fremdsprachenunterrichtes. Wir plädieren dafür, im Fremdsprachenunterricht das gesamte sprachliche Repertoire der Lernenden als Ressource zu berücksichtigen und halten es daher für wichtig, die Mehrsprachigkeit der FS-Lernenden zu erfassen und zu erforschen. In unserem Beitrag möchten wir die Ergebnisse einer Umfrage über die Mehrsprachigkeit ungarischer FS-Lernenden präsentieren, die wir an der Nemeskürty István Pädagogischen Fakultät der Ludovika Universität für Öffentlichen Dienst (Budapest) durchgeführt haben. Ziel der Untersuchung war, einen Überblick darüber zu verschaffen, was Lehramtsstudierende der deutschen, der englischen und der ungarischen Sprache und Kultur über das Phänomen der Mehrsprachigkeit schlechthin wissen, wie sie ihre eigene Mehrsprachigkeit einschätzen und wie sie darüber in Bezug auf ihr eigenes FS-Lernen reflektieren können.

 

ANDREJA RETELJ (Ljubljana)

Belastungsfaktoren und Berufsunzufriedenheit unter Fremdsprachenlehrkräften in Slowenien

Die Studie untersucht die häufigsten Ursachen für Berufsunzufriedenheit unter slowenischen Fremdsprachenlehrkräften. Die Analyse basiert auf einer Online-Befragung von 137 Lehrpersonen und zeigt ein deutliches Bild hoher beruflicher Belastung. Als stärkste Stressoren erwiesen sich übermäßige Bürokratie, unklare und häufig wechselnde bildungspolitische Anforderungen sowie ein Mangel an systemischer und schulinterner Unterstützung. Besonders belastend sind konfliktträchtige Beziehungen mit Eltern, die von den Befragten häufig als demotivierend, verletzend und energieraubend beschrieben wurden. Zusätzlich berichten die Lehrkräfte von Verhaltensproblemen und geringem Lerninteresse der Schüler – insbesondere im Deutschunterricht – was das didaktische Arbeiten weiter erschwert. Viele Lehrpersonen geben an, dass die hohe Arbeitsbelastung, Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, der niedrige gesellschaftliche Status des Berufs und die unzureichende Bezahlung wesentlich zu Erschöpfung und Überlegungen über einen Berufswechsel beitragen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Unzufriedenheit das Resultat eines komplexen Zusammenspiels struktureller, didaktischer und relationaler Faktoren ist und dringende bildungspolitische Reformen notwendig erscheinen.