Linguistik

ABSTRACTS

Linguistik


 

ANNA JORROCH (Warschau)

Gefühlsausdrücke und Emotionen in der Zwei- und Mehrsprachigkeit

Das Thema des Referates fokussiert intensivierende Ausdrücke in den Sprachbiographien der deutsch-polnischen Bilingualen und der deutsch-polnisch-russisch Dreisprachigen bezüglich der kritischen Kriegs- und Nachkriegszeit Masuren. Die Sprecher sind vor 1933 auf dem Gebiet des Deutschen Reichs geboren wurden, das infolge des Zweiten Weltkriegs an Polen fiel. Sie sind zunächst in einer deutschsprachigen familiären Umgebung aufgewachsen und mussten dann durch den politischen Wechsel um 1945 Polnisch erlernen. Darunter sind auch Nachkommen der religiösen Flüchtlinge, die 1830 nach den Reformen der russisch-orthodoxen Kirche nach Ostpreußen gekommen sind. Die Bilingualen und Dreisprachigen berichten von unterschiedlichen Erlebnissen, die ihr Leben in der Kindheit und in der Jugendzeit geprägt haben. Im Referat werden Fragmente der Originalaufnahmen unter Berücksichtigung der Sprachbiographien präsentiert, die Emotionen und die damit verbundenen Gefühlsausdrücke in der Krisenzeit verdeutlichen. Das präsentierte Material entstammt der 2007-2015 durchgeführten Feldforschung zur deutschen Sprache der dreisprachigen Altgläubigen in Masuren, der im Rahmen des von der DFG finanzierten Forschungsprogramms zu generationsbedingten Differenzierungen der Sprache in der Zweisprachigkeit 2018 in Polen durchgeführten Feldforschung und dem digitalen Korpus LangGener.

 

IVANA JOZIĆ (Osijek)

Zu geschlechtsbedingten Argumentationsmustern in (Werbe)Anzeigen aus den alten deutschsprachigen Osijeker Zeitungen – Unterschiede, Ähnlichkeiten und Gemenisamkeiten

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Komplexität der Argumentationsstrukturen in (Werbe-)Anzeigen, die von Frauen und Männern in den alten deutschsprachigen Osijeker Zeitungen Slavonische Presse und Die Drau im frühen 20. Jahrhundert veröffentlicht wurden. Analysiert werden vor allem Stellenanzeigen, die als Gebrauchstextsorte einem relativ festen sprachlichen Muster folgen und vom jeweiligen Berufsfeld abhängen. Durch die Analyse der verwendeten Argumentationsmuster sollen Einblicke in die sozialen, kulturellen und geschlechtsbedingten Verhältnisse jener Zeit gewonnen werden. Besonderes Augenmerk liegt auf Abweichungen von der üblichen sprachlichen und semiotischen Struktur der Anzeigen. Ziel der Arbeit ist es, Parallelen zwischen Unterschieden, Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten im untersuchten Korpus bezüglich der genannten Kriterien zu ziehen und Rückschlüsse auf den sozialen Status der Frauen in Osijek zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu ermöglichen. Dieser Beitrag ist im Rahmen des Projekts „Kroatien und Europa im historischen Kontext – Transfer von Ideen und kultureller Austausch“ (HEPTIK) an der Philosophischen Fakultät der Josip-Juraj-Strossmayer-Universität Osijek (581-UNIOS-63) entstanden und wurde aus Mitteln des Nationalen Aufbau- und Resilienzplans 2025–2029 der Europäischen Union – NextGenerationEU finanziert.

 

NEDIM LIVNJAK / ALMA ČOVIĆ-FILIPOVIĆ (Sarajevo)

Affektive Identitätskonstruktionen im politischen Diskurs der AfD: Eine diskurslinguistische Analyse von Frames und Topoi

Der Beitrag untersucht, wie die AfD in ihren identitätsbezogenen Aussagen emotionalisierende Bedeutungs- und Deutungsmuster erzeugt und stabilisiert. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Identitätsdiskurse nicht nur kognitiv, sondern wesentlich affektiv strukturiert sind und dass Argumentationsmuster (Topoi) sowie Deutungsrahmen (Frames) emotionale Orientierungen der Diskursgemeinschaft mitprägen. Empirische Grundlage bildet ein multimodales Korpus aus Bundestagsreden, Wahlprogrammen und Social-Media-Beiträgen führender AfD-Akteur:innen (2017–2025). Methodisch folgt die Untersuchung einem qualitativ-diskurslinguistischen Ansatz auf Grundlage von DIMEAN sowie der hermeneutisch-semantischen Diskursanalyse der Düsseldorfer Schule. Analysiert werden insbesondere jene affektiven Topoi und Identitätsframes, die Zugehörigkeit, Bedrohung, Reinheit und kulturelle Selbstbehauptung markieren. Die Ergebnisse zeigen, dass die AfD Identität über wiederkehrende emotionale Muster wie Angst-, Empörungs- und Entfremdungsaffekte diskursiv konstruiert und politisch funktionalisiert. Damit lässt sich der identitäre AfD-Diskurs als ein hochstabiler, affektiv aufgeladener Diskurs beschreiben, der politische Positionen legitimiert, kollektive Selbstbilder formt und soziale Spaltungen vertieft.

 

SANELA MEŠIĆ / ALDINA ŠERIFOVIĆ (Sarajevo, Tuzla)

Über Code-Switching, lexikalische Interferenz und Germanismen im Bosnischen

Viele Menschen, die in Bosnien-Herzegowina leben, sprechen Deutsch. Dabei handelt es sich teils um deutsche Muttersprachler:innen, teils um Remigrant:innen aus dem deutschsprachigen Raum sowie um Personen, die Deutsch aus beruflichen oder persönlichen Gründen oder im Rahmen ihrer Ausbildung gelernt haben. Eine besondere Gruppe bilden die sogenannten Fernsehkinder, die Deutsch primär über Fernsehkonsum erworben haben. Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, das in den im Rahmen des ReDeKo-Projektes entstandenen Interviews auftretende Code-Switching zu analysieren und zu überprüfen, in welchen Fällen man eventuell von lexikalischer Interferenz sprechen kann und ob bestimmte deutsche Lexeme als (potenzielle neue) Germanismen gelten könnten. Da unterschiedliche Sprechergruppen beteiligt sind, ist mit je gruppenspezifischen Schlussfolgerungen nach der durchgeführten Analyse zu rechnen. Analytisch ist zudem zwischen dem spontanen Gebrauch deutscher Elemente während der Interviews und den metasprachlichen Reflexionen der Proband:innen über ihren eigenen Gebrauch des Deutschen bzw. einzelner deutscher Lexeme zu unterscheiden. Erste Analyseergebnisse zeigen, dass bestimmte Sprechakte besonders häufig mit Code-Switching einhergehen.

 

NIKOLINA MILETIĆ / MARIJA PERIĆ ŠORMAZ (Zadar)

Diskursanalyse in dem deutschen und kroatischen Wahlkampf

Sprache stellt ein außergewöhnlich wirkungsvolles Machtinstrument dar (vgl. Nöllke 2010: 7). Durch sie lassen sich unterschiedliche Standpunkte darstellen, Gefühle vermitteln und sogar andere beeinflussen oder verletzen (Van Dijk 2006; Finkbeiner, Meibauer, Wiese 2016; Schwarz-Friesel 2007; Martin, White 2005). Besonders im politischen Kontext wirkt Sprache als kraftvolles Werkzeug, mit dem Einstellungen geprägt, Menschen manipuliert und eigene Weltbilder legitimiert werden können. In dieser Arbeit wird die Gesprächsanalyse der Wahlen in Deutschland und Kroatien durchgeführt. Die jüngsten Wahlen in Kroatien (Dezember 2024) und Deutschland (Februar 2025) bieten ein interessantes Forschungsfeld für den kontrastiven Vergleich politischer Diskurse. Nach Bendel Larcher (2015) konzentriert sich diese Gesprächsanalyse auf folgende Aspekte: (1) Stimme und Körper, (2) Prozessualität und Interaktivität, (3) Kontextbezug und Adressatenorientierung sowie (4) Selbst- und Fremdpositionierungen, d. h. es wird u. a. bestimmt, wie etwas gemeint ist – in Bezug auf Prosodie, Paraverbales, Körperhaltung, Blickverhalten sowie Mimik und Gestik – , wie das Gespräch gesteuert

wird und wie die Interagierenden sich selbst oder andere positionieren. Zudem werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Diskurs-Rhetorik der Sprachen aufgezeigt.

 

IVONA PUSTAHIJA (Zadar)

Eine soziolinguistische Beobachtung von Vulgarismen im Linguistic Landscape von Zadar

Diese Forschung untersucht Vulgarismen im Linguistic Landscape von Zadar in Kroatien aus einer soziolinguistischen Perspektive. Drei Stadtviertel – Arbanasi, Poluotok und Voštarnica – wurden aufgrund ihrer dynamischen öffentlichen Sprachdarstellungen und hohen Bevölkerungsdichte für Interviews mit Passanten ausgewählt. Linguistic Landscape umfasst Visualisierungen von Sprache im öffentlichen Raum, wie Graffiti, Aufkleber, Plakate und ähnliche Formen (vgl. Gorter und Cenoz 2023: 5), die nicht nur den öffentlichen Raum widerspiegeln, sondern ihn auch sozial und sprachlich prägen. Die leitende Forschungsfrage ist, wie Vulgarismen im Linguistic Landscape von Zadar gesellschaftliche und sprachliche Dynamiken aus der Perspektive der Stadtbewohner widerspiegeln und beeinflussen. Vulgarismen werden oft tabuisiert und als sensibel eingestuft, weshalb es erforderlich ist, ihre Wirkung im öffentlichen Raum zu erkennen. Um einen Einblick in die Einstellung der Bewohner zu vulgärer Sprache im öffentlichen Raum zu erhalten, werden halbstrukturierte Interviews mit zufällig ausgewählten Passanten durchgeführt. Die Ergebnisse eröffnen neue Möglichkeiten zur Verbesserung des Sprachraums in Zadar, insbesondere im Hinblick auf vulgäre Ausdrücke. Sie können Aufschluss darüber geben, ob diese Sprachformen im öffentlichen Raum zulässig sein sollten. Ziel ist es, zu erkennen, wie Vulgarismen zur Konstruktion sprachlicher und sozialer Wahrnehmungsmuster im öffentlichen Raum Zadars beitragen.

 

ROBERTA RADA (Budapest)

Phrasemkonstruktionen im Vergleich – Aber was vergleicht man eigentlich?

Den Gegenstand des Vortrags bilden sog. Phrasemkonstruktionen, kurz PhraCons, deren verfestigtes syntaktisches Strukturschema neben lexikalisch spezifizierten Komponenten auch Leerstellen (Slots) enthält, die vom Sprecher im konkreten Sprachgebrauch gefüllt werden. Die Slotfüllung ist variabel aber unterliegt verschiedenen morphologischen, semantischen usw. Restriktionen. Dem verfestigten Strukturschema kommt dabei auch ohne die Füllung der Slots eine ganzheitliche, meistens schematische und abstrakte, pragmatische u./oder diskursive Bedeutung/Funktion zu. Die PhraCons, werden aktuell im Rahmen des internationalen phraseologischen Forschungsprojektes (CA 2215 A Multilingual Repository of Phraseme Constructions in Central and Eastern European Languages) erforscht. Im zu erstellenden Repositorium werden die Übersetzungen von deutschen Phrasemen, die 200 verschiedene deutsche PhraCons repräsentieren, in die Projektsprachen erfasst.

Ausgehend von vorliegenden kontrastiven Untersuchungen zu ausgewählten PhraCons in ausgewählten Sprachen und in Anlehnung an den Hierarchisierungsvorschlag der Konstruktionen von P. Ďurčo (2024) wird im Vortrag anhand der deutschen und ungarischen Daten im Projektrepositorium der Frage nachgegangen, wie man PhraCons als Konstruktionen interlingual vergleichen kann. Zugleich wird auch darüber nachgedacht, ob die vorhandenen Begriffe und Methoden der kontrastiven Phraseologieforschung dazu ausreichen.

 

MAGDALENA RAMLJAK (Mostar)

Digitale und kontrastive Varianten traditioneller Sprichwörter: Erkennungs- und Interpretationsprobleme unter Studierenden

Digitale Kommunikationsräume verändern Form und Funktion traditioneller Sprichwörter. In sozialen Netzwerken entstehen memifizierte Varianten, die durch Ironie, Substitution und digitale Referenzen neue Bedeutungsaspekte entwickeln. Der Beitrag untersucht, wie Germanistikstudierende der Universität Mostar klassische deutsche Sprichwörter im Vergleich zu ihren digitalen Reformulierungen erkennen, deuten und emotional bewerten. Ergänzend wird analysiert, wie die Studierenden die entsprechenden Äquivalente in ihrer Muttersprache einordnen und ob digitale Varianten auch dort nachvollziehbare Bedeutungsbezüge aufweisen. In einer empirischen Online-Erhebung ordnen die Teilnehmenden digitalen Varianten wie „Der Akku lädt nicht weit vom Kabel“ die passenden traditionellen Sprichwörter zu, erklären deren Bedeutung und bewerten Verständlichkeit, Humor und Wirkung. Ausgewertet werden Erkennungsraten, typische Interpretationsfehler und kontrastive Zuordnungsprobleme zwischen deutscher und kroatischer Version. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass digitale Varianten zwar als zeitgemäß und unterhaltsam wahrgenommen werden, jedoch häufig zu Bedeutungsverlust, kulturellen Missdeutungen oder veränderten emotionalen Reaktionen führen. Die Studie verdeutlicht, wie sich paremiologische Kompetenz junger Erwachsener im digitalen und mehrsprachigen Kontext verändert und welche Rolle Transmedialität und Meme-Kultur im aktuellen Sprachwandel spielen.

 

ANETA STOJIĆ (Rijeka)

Korpusbasierte kontrastive Kollokationsanalyse als Grundlage eines mehrsprachigen digitalen Kollokationswörterbuchs

Der Vortrag stellt ein laufendes Forschungsprojekt zur Entwicklung eines interaktiven mehrsprachigen digitalen Kollokationswörterbuchs vor, das auf einer korpusbasierten kontrastiven Analyse des Kroatischen, Deutschen, Englischen und Italienischen beruht. Ausgangspunkt bildet ein kroatisches Referenzkorpus, das systematisch mit den genannten Sprachen kontrastiv verglichen wird. Im Fokus der Untersuchung stehen insbesondere nicht-äquivalente Kollokationen, die aufgrund ihrer idiomatischen Prägung eine besondere Herausforderung für Fremdsprachenlernen, Übersetzung und lexikografische Beschreibung darstellen. Methodisch basiert das Projekt auf der Auswertung großer Referenzkorpora unter Einsatz des korpuslinguistischen Werkzeugs Word Sketch. Die Analyse gliedert sich in drei Phasen: (1) Aufbau und semantische Kategorisierung einer mehrsprachigen Kollokationsdatenbank, (2) kontrastive Analyse sprachspezifischer Kollokationsmuster sowie (3) Untersuchung ihrer pragmatischen Funktionen in unterschiedlichen Gebrauchskontexten. Die gewonnenen Ergebnisse werden in eine digitale Plattform mit interaktiver Suchoberfläche integriert, die interlinguale Kollokationsbeziehungen systematisch abbildet und authentische Korpusbelege bereitstellt. Der Beitrag zeigt, wie Korpora nicht nur zur Beschreibung lexikalischer Muster, sondern auch als Grundlage innovativer lexikografischer Anwendungen genutzt werden können. Das Projekt leistet damit einen Beitrag zur korpusgestützten Lexikologie, Phraseologie und Mehrsprachigkeitsforschung und eröffnet neue Perspektiven für den Einsatz digitaler Ressourcen in Sprachvermittlung und Translation.