Plenarvortrag
ANITA PAVIĆ PINTARIĆ (Zadar)
Anita Pavić Pintarić, geboren in Zadar, ist ordentliche Professorin für Germanistik an der Universität Zadar. Sie studierte Germanistik und Anglistik an der Universität Zadar, schloss ihr Magisterstudium an der Universität Zagreb ab und promovierte an der Universität Zadar.
Ihre wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen in der Emotionalitätsforschung, fiktiven Mündlichkeit, Phraseologie, Translatologie, Pragmalinguistik sowie im kontrastiven und kontaktlinguistischen Sprachvergleich. Sie leitete ein bilaterales Forschungsprojekt und war an sechs weiteren – überwiegend internationalen – Projekten beteiligt, darunter auch am TEMPUS‑Projekt zur Einführung des Übersetzerstudiums in Zadar.
Sie hat rund sechzig wissenschaftliche Artikel und zwei Monografien veröffentlicht („Deutsche und kroatische Idiome kontrastiv. Eine Analyse von Ausdruck und Funktion“, 2015; „Prostor i kretanje u govorima zadarskoga kraja“, 2021). Zudem ist sie Mitherausgeberin von sechs Sammelbänden.
Sie ist Koordinatorin der trilateralen germanistischen Doktorandenschule (Mannheim-Ljubljana-Zadar). Darüber hinaus ist sie aktiv in die EU-CONEXUS-Allianz und in Erasmus+-Mobilitäten eingebunden.
Seit 2013 ist sie wissenschaftliche Leiterin der Österreichischen Bibliothek Dr. Alois Mock und organisiert Workshops sowie Aktivitäten zur Popularisierung der Wissenschaft. Derzeit übt sie das Amt der Prorektorin für Studierende und Studien aus.
Titel des Vortrags: Raum, Emotion und Bewertung in der sozialen Interaktion: Kontinuitäten und Dynamiken sprachlicher Praktiken
Dieser Vortrag untersucht die Rolle des Raumes als kognitive, sprachliche und soziale Kategorie. Den Ausgangspunkt bildet die Raumlinguistik, die davon ausgeht, dass Sprache stets in konkreten räumlichen Kontexten verankert ist, und räumliche Strukturen unser Denken, Wahrnehmen und soziale Interaktionen maßgeblich prägen. Im Fokus steht die enge Verbindung zwischen räumlichen Konzepten und der Strukturierung abstrakter Bedeutungen wie Emotionen, Bewertungen und soziale Beziehungen. Kognitiv-semantische Ansätze zeigen, dass grundlegende räumliche Kategorien (z. B. oben–unten, Nähe–Distanz, Bewegung) als stabile Muster fungieren, die auf körperlicher Erfahrung basieren und metaphorisch auf abstrakte Bereiche übertragen werden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Phraseologie, insbesondere der Wegmetaphorik, die abstrakte Prozesse wie Entscheidungen, Entwicklungen oder Lebensverläufe durch räumliche Vorstellungen modelliert. Idiomatische Ausdrücke zeigen dabei ein Zusammenspiel von Stabilität auf konzeptueller Ebene und Dynamik in ihrer konkreten sprachlichen Realisierung. Darüber hinaus wird dargestellt, wie emotionale Bedeutungen und Bewertungen häufig durch räumliche Metaphern, metonymische Strategien und Vergleichskonstruktionen ausgedrückt werden. Ein weiterer Aspekt ist die soziale Konstruktion von Raum. Am Beispiel urbaner Festivals wird gezeigt, dass Raum nicht nur physisch existiert, sondern durch soziale Interaktion, kulturelle Praktiken und sprachliche Benennung aktiv hergestellt und mit Bedeutung aufgeladen wird. Schließlich verdeutlicht der kontaktlinguistische Ansatz, dass Sprachkontakt zur Dynamik sprachlicher Systeme beiträgt, während grundlegende räumliche Konzepte weitgehend stabil bleiben. Insgesamt zeigt der Vortrag, dass Räumlichkeit ein grundlegendes Organisationsprinzip sprachlicher Praktiken darstellt, in dem sich Kontinuität (stabile kognitive Muster) und Dynamik (kulturell und kontextuell bedingte Variation) miteinander verschränken.
PLENARVORTRAG 2
MARIJAN BOBINAC (Zagreb)
Marijan Bobinac, geboren 1952 in Petrinja, war ordentlicher Professor am Institut für Germanistik der Philosophischen Fakultät der Universität Zagreb. Er studierte Germanistik und Italianistik an der Universität Zagreb und absolvierte ein zusätzliches Studium der Theaterwissenschaft an der Universität Wien.
Seine wissenschaftlichen Forschungsinteressen umfassen die deutschsprachige Literatur des 19., 20. und 21. Jahrhunderts, komparatistische Literaturwissenschaft, den deutsch‑kroatischen kulturellen Transfer, das Volksstück sowie Fragen der Gattungstheorie und Theatergeschichte. Bobinac gilt als einer der bedeutendsten kroatischen Forscher auf dem Gebiet der deutsch‑kroatischen literarischen Beziehungen und der kulturellen Wechselwirkungen im mitteleuropäischen Raum.
Er leitete zwei Forschungsprojekte des kroatischen Wissenschaftsministeriums und war Leiter dreier bilateraler Projekte. Darüber hinaus war er als Gastprofessor an den Universitäten Osijek, Salzburg, Maribor, Rijeka und Sarajevo tätig.
Bobinac ist Autor zahlreicher Monografien, darunter „Der kleine Mann auf der Bühne“ (2005), „Übernahme und Ablehnung“ (2008), „Njemačka drama u hrvatskom kazalištu 19. Stoljeća“ (2011) und „Uvod u romantizam“ (2012). Sein wissenschaftliches Werk umfasst zudem eine große Zahl von Studien zur Rezeption der deutschen Dramatik in Kroatien, zur Geschichte des Theaters sowie zu literarischen und kulturellen Prozessen in Mitteleuropa.
Titel des Vortrags: Literatur, Imperium, Nationalstaat
Das neuerwachte Interesse an Imperien der letzten Jahrzehnte – aufs Engste mit der im angelsächsischen Raum entstandenen geschichtswissenschaftlichen Disziplin new imperial history verbunden – hing mit einer modifizierten Einstellung zu den weiträumigen, multiethnischen und multikonfessionellen Staatsgebilden zusammen, mit der die lange tonangebende Herangehensweise, wonach die imperiale Herrschaftsordnung von einer für die Moderne viel adäquateren, dem Nationalstaat, abgelöst wurde, durch neueröffnete Fragenkomplexe in der Nationalismus- und Imperienforschung immer mehr in Defensive gedrängt wurde. In diesem Zusammenhang bietet sich als Untersuchungsbasis auch die Literatur an, jenes Medium, das über die besondere Fähigkeit verfügt, die Bestände des kulturellen Gedächtnisses und damit auch die Prozesse individueller und kollektiver Identitätsbildung komplex darzustellen. Bei einem solchen Forschungsansatz geht man vor allem der Frage nach, wie (post)imperiale Geltungsansprüche und nationale Homogenisierungsprozesse im Medium der Literatur funktionieren, wie sie miteinander und gegeneinander in Berührung geraten und wie sie dabei für konkrete (politische, ideologische, ästhetische) Zwecke instrumentalisiert werden können. Wenn etwa von der unmittelbaren postimperialen Zeit, der Zeit nach 1918, die Rede ist, so lassen sich im zentraleuropäischen Raum sehr unterschiedliche literarische Reaktionen auf den Untergang der Habsburger Monarchie und anderer kontinentaler europäischer Reiche sowie Gründung neuer, zumeist dysfunktionaler und autoritärer Nationalstaaten festhalten. Für die Analyse dieses literarischen Korpus zeigt sich als zentral der Bezug einzelner Autoren zur untergegangen Donaumonarchie, der sich zwischen einer Akzentsetzung auf nostalgische Potenziale imperialer Traditionen (‚habsburgischer Mythos’) und ihrer politisch-ideologischer Verdammung (‚Völkerkerker’) bewegt. Den theoretischen Überlegungen zum postimperialen Forschungsansatz soll im geplanten Beitrag die Analyse einiger exemplarischer Werke deutschsprachiger Autoren folgen.
